In einer Hängematte im Dschungel schaukelnd, sinniere ich gerade mal wieder über meine Zeit und meine Erfahrungen in Salvador. Was ist hängen geblieben und was nehme ich mit? Ich habe knapp vier Wochen dort verbracht, war ausschließlich bei Locals untergebracht und habe so das volle und typische Leben mitbekommen. Touri-Hotspots habe ich dabei fast komplett gemieden. Der Schriftsteller Jorge Amado nannte Salvador da Bahia einst die „Stadt der ewigen Schönheit“. Kann das tatsächlich wahr sein? Komplett eingetaucht, würde ich Salvador im Rückblick folgendermaßen zeichnen:

Der Strand von Itapua in Salvador.
Der Strand von Itapua in Salvador.

Salvador lässt sich wohl am besten als extreme Stadt beschreiben. Extrem im Sinne von den Menschen, von der Atmosphäre und auch von der Natur her. Wunderschöne, lange, weiße Sandstrände, jedoch voll von Glasscherben und Plastikmüll. Ebenso wie die Straßen, die mit Müll gepflastert sind und dessen schaurig schimmliger Geruch durch jede Fensterritze zieht. Müll wird hier nämlich nicht in Tonnen gesammelt, sondern es werden alle Plastiktüten (inklusive der mit benutztem Toilettenpapier) auf die Straße in die Sommerhitze an einen Baum gefeuert. Dort wo der Bürgersteig plötzlich im Boden versinkt und fast schon kraterartige Schlaglöcher das Straßenbild prägen, dort werden schwarze Müllsäcke, voll mit heiß moderndem Abfall, zu Gebirgen aufgetürmt. Die Müllabfuhr wird’s dann irgendwann einsammeln.

Verbreiten einen angenehmen Duft in den Straßen Salvadors - die brasilianische Müllabfuhr.
Verbreiten einen angenehmen Duft in den Straßen Salvadors – die brasilianische Müllabfuhr.

Selbst ein Teil der städtischen Kanalisation verläuft oberirdisch zwischen zwei dicht befahrenen Straßen. Mit Worten ist der Geruch dieser braunen, zähflüssigen Masse nicht mehr zu beschreiben. In Vierteln, wo es viele Touristen hinzieht, wie zum Beispiel Pelourinho (dort wo Michael Jackson das Musikvideo zu „They don’t care about us“ gedreht hat), sieht es natürlich etwas besser aus, aber das ist meines Erachtens lediglich geschönt und hat wenig mit dem wahren Bild zu tun. Generell liegt auch unfassbar viel einzelner Müll herum, was daran liegt, dass sehr viele Menschen ihre Plastikbecher oder sonstigen Abfall mit voller Absicht auf die Straße oder auf den Strand schleudern. Es schert fast niemanden einen Dreck, wie die Umwelt damit zerstört wird. Zudem bietet der Abfall perfekte Brutstätten für die Aedes Mücke, die Dengue und Zika überträgt. Beide Krankheiten sind relativ weit verbreitet in Salvador.

Die Menschen waren unfassbar freundlich und zuvorkommend zu mir. Jedoch lediglich diejenigen, die mich beherbergt haben. Das waren zwar eine Menge und auch deren Freunde haben mich extrem herzlich angenommen, jedoch fremde Menschen auf der Straße haben mich fast ausschließlich derart feindselig angestarrt, als ob sie mich in Stücke reißen wollten. Natürlich sehe ich nicht wie ein Brasilianer aus und bin hier etwas Besonderes, doch dieses minutenlange Anstarren in Einkaufszentren und das bedrohliche Observieren auf der Straße, habe ich als sehr rassistisch empfunden. Dieses Anstarren an sich, das übrigens auch behinderte Menschen hier erfahren, sehe ich ebenso wie die teils absichtliche Umweltverschmutzung, als hohe Respektlosigkeit gegenüber Mensch und Natur.

Pelourinho, das Viertel, das schon Michael Jackson für seine Videos nutzte.
Pelourinho, das Viertel, das schon Michael Jackson für seine Videos nutzte.

Natürlich spielt auch die Sicherheit eine gewisse Rolle. Wo auf der einen Seite schwer bewaffnete Militärpolizisten alles absichern, steht auf der anderen Seite eine extrem hohe Kriminalitätsrate. Egal wo man in der Stadt unterwegs ist, wirklich sicher ist es nirgends. Nach Einbruch der Dunkelheit schon gleich gar nicht mehr. Klar, ich wurde überfallen und entführt und klar, das hinterlässt Spuren. Aber davon möchte ich mich nicht leiten lassen. Generell ist es in Salvador aber schon so, dass überall eine gewisse Gefahr herrscht. Im Schnitt werden in Salvador drei Menschen pro Tag ermordet. Im April 2014 jedoch streikte die Polizei für 40 Stunden. Ergebnis waren satte 41 Morde in diesen 40 Stunden. Selbst in dem sehr bekannten Stadtteil Pelourinho, welches übrigens nicht nur wegen Michael Jackson, sondern viel mehr wegen seiner bunten Altstadt bekannt ist und deswegen zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, ist es trotz extrem hoher Polizeipräsenz nicht sicher. Während meines Aufenthalts in Salvador wurde dort das bei „workaway“ Nutzern sehr bekannte Acai Hostel, welches eben im zentralen Viertel Pelourinho liegt, überfallen. Vier, mit Messern und Schusswaffen bewaffnete Männer haben das komplette Hostel kurzerhand gestürmt und ausgeraubt. Zwei Backpacker wurden angeschossen und ins Krankenhaus eingeliefert, sollen aber angeblich überlebt haben. 

Sich fortbewegen geht in Salvador ausschließlich mit Bussen. Jedoch ist das Bussystem als Tourist ohne ausreichend Portugiesisch Kenntnisse kaum nutzbar. Bushaltestellen sind nur manchmal als solche gekennzeichnet, oft ist nicht erkenntlich, ob der Bus in die gewünschte Richtung fährt und es ist sogar vorgekommen, dass sich der Busfahrer verfahren hat, weil er offenbar selbst den Weg nicht kannte. Auf Busse wartet man in der Regel zwischen 30-60 Minuten, an dunklen, schmutzigen und unbeleuchteten Ecken und manchmal trotzdem an achtspurigen Straßen. Soviel Feinstaub bekommt man in Deutschland vermutlich nicht mal in Monaten ab.

Erwähnenswert ist zudem die Lautstärke der Stadt. Viele Autos haben Soundsyteme eingebaut, die im Vorbeifahren noch mein Geschirr am Esstisch vibrieren haben lassen. In jedem Bus trifft man früher oder später auf eine Art Kleinsthändler, die mal Wasser, mal Nüsse oder auch USB Sticks lautstark anpreisen. Teils mit tragbarem Lautsprechern inklusive Mikrofon. Überhaupt, jeder will einem immer alles überall verkaufen. Dankende Ablehnung wird dann hin wieder auch mit der Frage quittiert, ob man denn nicht wenigstens etwas Kokain abkaufen könnte. Ab und zu haben Autos auch monströse Boxen auf ihren Dächern montiert, aus denen unaufhörlich und in maximaler Lautstärke Werbung dringt. An Bushaltestellen selbst springt oft eine Art Busschreier aus dem Bus und brüllt die Haltestellen, die als nächstes angefahren werden, den wartenden Menschen direkt entgegen. Aber auch wenn Menschen einfach nur gut aufgelegt sind, steigt die Lautstärke ihrer Kommunikation und es wird laut gerufen, gelacht und gesungen.

Warum ich denn eigentlich vier Wochen in Salvador de Bahia verbracht habe, wo es mir offensichtlich nicht zu 100% gefallen hat? Auf der einen Seite wollte ich diese Stadt einfach mal komplett erfahren, wollte das alltägliche Leben der Menschen hier mitnehmen und auch all die Probleme, die ein Leben hier mit sich bringt, kennenlernen und auf der anderen Seite bin ich krank geworden, weshalb ich einige Tage auch nur zuhause im Bett verbracht habe.

Fazit: Salvador hat tolle Strände und eine bunte Altstadt zu bieten. Viel mehr aber auch nicht. Ehrlich gesagt, steht meiner Meinung nach der Nutzen den Risiken in keinster Weise gegenüber. Allerdings habe ich großen Respekt vor den Menschen, die dort leben, denn einfach ist es wahrlich nicht. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass für viele jeder Tag nur ein weiterer Tag ist, den es zu überleben gilt. Schöne Strände und bunte Häuser kann man aber auch anderswo finden, jedoch an Orten, die weniger verdreckt und weitaus sicherer sind. Sich entspannt die Stadt anschauen, war quasi unmöglich. Deswegen würde ich auch niemandem empfehlen nach Salvador zu reisen. Die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise sind in Salvador nicht zu übersehen, die Armut ist erdrückend und zu mindestens in Salvador ist Brasilien nicht mal mehr ein Schwellenland. Selbst Locals bezeichnen die Stadt inzwischen als Teil der dritten Welt. Ich habe hier zwar sehr interessante Erfahrungen machen dürfen und auch einige tolle Menschen kennengelernt… Wieder nach Salvador kommen, werde ich aber wohl nicht mehr. Ewige Schönheit hin oder her.

PS: Wer trotzdem gerne nach Salvador reisen möchte, hier ein paar Orte, die absolut lohnenswert sind: Der Strand von Barra inklusive spektakulärem Sonnenuntergang, der Strand Itipanga, die Lagune Abaete (aber niemals nach Einbruch der Dunkelheit!), Ilha dos Frades sowie das Viertel Pelourinho (allerdings ein Touri-Hotspot).

Die Lagune Abaete
Die Lagune Abaete

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