*english version below*

Überfallen und entführt in Brasilien. Eine Grenzerfahrung.

Salvador da Bahia ist bestimmt nicht die sicherste Stadt. Manche bezeichnen sie sogar als die gefährlichste Brasiliens. In der Stadt wimmelt es nur so von Militärpolizei, schwer bewaffnete, oft auch mit Maschinen- und Sturmgewehren ausgestatten paramilitärischen Einheiten. Aus Deutschland kennt man so etwas gar nicht und aus Europa höchstens, wenn die Terrorwarnstufe wieder ein gewisses Level erreicht hat. Hier geht es aber um gewöhnliche Kriminelle. Passiert man direkt auf dem Bürgersteig Militärpolizisten, geht deren Hand sofort und automatisch zur Waffe. Teils um die Waffe zu schützen, teils wohl auch aus Nervosität. Vor einigen Tagen habe ich auch einen Motorradfahrer gesehen, der mit einem Busfahrer lauthals stritt. Beide hatten bereits angehalten und beschimpften sich gegenseitig. In der Nähe befindliche Militärpolizisten fackelten nicht lange, und kamen mit gezogenen Schusswaffen aus drei Richtungen auf den Motorradfahrer zugestürmt. Es endete glimpflich.
Und obwohl ich mich in dieser Stadt mit extremer Vorsicht bewege, lässt sich nicht immer alles vermeiden. Es ist bereits einige Tage her, da war ich mit meiner Begleiterin an einem Samstagabend an der Lagune direkt vor unserer Haustür gesessen. Auf der Straße wurde wild gefeiert und unten am Strand war es ruhiger. Viel zu ruhig. Außer uns war niemand da. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich dennoch sicher gefühlt in diesem Moment. Oben auf der Straße waren auch unzählige Sicherheitskräfte. Ich vertraute der Situation und das war ein gefährlicher Fehler…
Nach einer Weile sah ich in gewisser Entfernung jemanden alleine am Ufer spazieren. Bei genauerem Betrachten, sah ich, dass er wohl so etwas wie Kokosnüsse in der Hand hielt. Vermutlich deswegen hielt ich ihn für einen der unzähligen Straßenverkäufer in Salvador. Nachdem er uns auch gesehen hatte, kam er einige Meter vom Ufer zu uns hochgelaufen. Erst jetzt konnte ich sehen, dass es ein total heruntergekommener, abscheulicher Typ um die 50 Jahre war. Die Kokosnüsse entpuppten sich als vertrocknete Palmblätter und auf einmal blitzte im Mondschein ein gewaltiges Messer auf. Länger als jedes Militärmesser und etwas breiter als ein iPhone. Mein erster Gedanke war eigentlich nur „scheiße, ach komm schon…echt jetzt?“. Gerade eben noch Caipirinha getrunken und eine laue Sommernacht an einem weißen Sandstrand verbracht und auf einmal änderte sich alles…
Meinen Moneybelt hatte ich aus Bequemlichkeitsgründen ein paar Minuten vorher zur Seite gelegt. Reflexartig händigte ich ihm also meinen Geldbeutel (dort bewahre ich immer nur etwas Geld für den Fall eines Überfalls auf) und mein kleines, 25 Euro teures brasilianisches Handy aus. Meine Begleiterin tat dasselbe.
Aus mir jedoch anfangs unerklärlichen Gründen, war der Räuber noch nicht zufrieden und fordert uns stattdessen auf mitzukommen. Besser gesagt: er zwang uns mitzukommen, indem er uns mit dem Messer wild umherfuchtelnd vor sich her trieb. Auf einmal fand ich mich mitten in einer Entführung wieder. Der Überfall war eigentlich vorbei, jetzt konnte es nur noch um körperlichen Schaden wie beispielsweise eine Vergewaltigung meiner Begleiterin gehen. Auch weil er sich schon dauernd recht lüstern in den Schritt griff. Im Krav Maga hatte ich immer gelernt: im Falle eines Überfalls muss alles getan werden, was der Typ verlangt. Außer man kann sich sicher sein, dass er dich vergewaltigen oder töten will. Mir wurde nun bewusst, dass vermutlich gleich der Moment kommen würde, wo ich ihn angreifen müssen würde. Schlicht um uns zu verteidigen. Und dieser Gedanke trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Sein Messer war verdammt groß, er hielt es auf die perfideste Art und Wiese und er bewegte sich zu dem sehr unberechenbar. Diese Entscheidung, wann ich attackieren würde, wäre möglicherweise eine Entscheidung über Leben und Tod. Als mir das bewusst wurde, ging es mir nicht unbedingt besser…
Wir liefen nun also schon ca. 20 Minuten und hatten die Lagune längst hinter uns gelassen. Ich verstand kein Wort, er brabbelte nur auf Portugiesisch. Mir schien, dass er sich in dem Gebiet verdammt gut auskannte. Das Gebiet lässt sich wohl am besten als Palmenwaldgebiet beschrieben und es war keine Menschenseele um uns herum. Uns hätte niemand je gehört. Meinen Geldbeutel in der Hand, fing er nun im Gehen an, alle Fächer meines Portemonnaies zu durchsuchen. Dazu klemmte er das Messer unter den Arm. Die perfekte Gelegenheit zum Angriff überzugehen! Doch es war extrem dunkel, ich konnte das Messer nicht zu 100 Prozent ausmachen und deshalb erschien mir das Risiko zu hoch. Wenn ich attackieren würde, wenn ich also alles auf eine Karte setzen würde, würde ich absolut sicher sein wollen, dass es funktioniert.
Am Rande einer kleinen Lichtung zwang er uns nun anzuhalten, uns hinzuknien und die Hände über dem Kopf zu halten. Wie in einem verdammten Geiselvideo von Terroristen! Mir war klar, dass ich gleich aktiv werden müsse, um Schlimmeres zu verhindern. Zuvor forderte mich der Typ jedoch auf meine Hose auszuziehen, um meine Taschen besser durchsuchen zu können. Er hoffte wohl noch mehr Geld zu finden. Ich hatte auch noch wesentlich mehr Geld dabei, ca. 200 Euro in drei Währungen in meinem Gürtel versteckt. Das war ein spezieller Sicherheitsgürtel, der auf der Innenseite einen Reißverschluss besitzt um dort Bares aufbewahren zu können. Ich zog also die Hose recht schnell aus während ich gleichzeitig meinen Gürtel herausriss. Den Gürtel schmiss ich ins Gebüsch und die Hose feuerte ich vor seine Füße. Nachdem er jede Tasche durchsucht hatte, gab er mir die Hose zurück und sagte meiner Begleiterin dann sehr deutlich, dass er sie jetzt vergewaltigen würde und auch wie. Diese Worte möchte ich hier nicht wiederholen. In diesem Moment ergriff sie solch eine Panik, dass sie einfach anfing zu rennen. So schnell sie konnte, einfach weg. Für mich war das eine total neue Situation. Ich schaute hier hinterher, schaute ihn an, wieder zu ihr und wieder zu ihm. Würde er versuchen ihr zu folgen, hätte ich ihn gestoppt. Tat er aber nicht. Und so tat ich das einzige Richtige: ich ergriff auch die Flucht. Als wir endlich eine Straße erreicht hatten, trafen wir auf ein Pärchen, dass sich sofort um sie kümmerte. Ich rannte zurück zum Strand, denn dort lag ja noch mein Moneybelt mit zwei Kreditkarten, meinem Ausweis, einem Messer und meinem Smartphone. Ich schnappte mir den Moneybelt, nahm das Messer und rannte zurück in den Wald, um meinen Gürtel mit den 200 Euro zu finden. Das Messer nahm ich zur Verteidigung mit. Es dauerte eine Weile, bis ich den Ort wieder gefunden hatte, aber Gott sei Dank war mein Gürtel samt Geld noch da und der Typ war bereits verschwunden. Als ich zurück ins Dorf kam, war bereits Polizei da. Diese schrieben auch eine Anzeige, waren jedoch nicht sonderlich interessiert. Bei dem Tatvorwurf von einem bewaffneten Raubüberfall, Entführung und versuchter Vergewaltigung wäre in Deutschland die Hölle los gewesen. Nicht so in Brasilien. Ich erzählte den Beamten sogar in welche Richtung sich der Typ in welchem Tempo fortbewegt hatte (bei der Flucht hatte ich mich mehrfach umgedreht) und, dass er unmöglich weit gekommen sein konnte. Es interessierte sie in keinster Weise. Stattdessen schickt der Polizeibeamte, der die Anzeige schrieb, meiner Begleiterin noch heute anzügliche Nachrichten via Whatsapp und baggert sie unaufhörlich an. Ihre Telefonnummer hatte er ja schließlich beim Aufnehmen der Personalien notiert.
Im Endeffekt ist zum Glück nichts Gravierendes passiert und niemand wurde verletzt. Der Räuber konnte lediglich 55 Reais (entspricht ca. 14 Euro) und mein brasilianisches Handy, das ich extra für solch eine Situation für 25 Euro gekauft hatte, erbeuten. Moneybelt und Sicherheitsgürtel versteckten erfolgreich etwas mehr als 200 Euro, mein Smartphone, meinen Ausweis sowie 2 Kreditkarten…
Inzwischen laufe ich fast ausschließlich mit Basecap und Sonnenbrille herum, um meine blonden Haare zu verstecken. Wenn man nicht sofort als Gringo auffällt, ist das sicherlich nicht allzu schlecht…
Da ich den Fehler machte, meinen eigenen Vorsatz zu missachten, nicht dorthin zu gehen, wo bereits niemand mehr ist, habe ich mich in eine missliche Lage gebracht. Welche Tipps und Tricks ich sonst noch anwende, um solch eine Situation in Zukunft zu vermeiden, habe ich hier zusammengefasst.
Salvador da Bahia habe ich aber inzwischen verlassen.

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*english version*

Robbed and kidnapped in Brazil. An extreme experience.

No question, Salvador da Bahia is not the safest city in South America. Some even consider it the most dangerous city of Brazil. Military police looking like paramilitary troops and heavily armed with rifles and machines guns, are patrolling everywhere in the city. Totally unknown in Germany, one only witnesses it in Europe when the terror alert level has been raised again. But here it’s not about terrorists, it’s about ordinary criminals. Just by passing by any military police officer, he automatically touches his gun straightaway. It seems like they are not only covering theirs guns but that they are nervous too…A few days ago I saw a motorcyclist having a big discussion with a bus driver in the middle of the street. They’ve even stopped already. Military police officers – apparently they were nearby – just made short work and started running and aiming with their guns for him at the same time. At the end of the day nobody was hurt…
And even though I am already moving very carefully in Salvador, there is always a small risk left. So a couple of days ago, at a wonderful Saturday night I was hanging out with a friend at a lagoon’s beach just around the corner of my current accommodation. People were partying like hell in the streets but down at the beach it was quiet and peaceful. Way too quiet actually…There was nobody around but us. I don’t know why but I felt safe this moment anyway. Maybe because there were actually a lot of security forces up the street. However, trusting this environment turned out to be a dangerous mistake…
After a while, I saw somebody walking down the beach. He looked like one of these guys selling coconuts everywhere since he was holding some plants similar to coconuts in his right hand. But when he came a few meters in our direction, I could see that his appearance was totally fucked up. This man, who wore a blue baseball cap covering the most of his wrinkled face, was about 50 years old, his stinky clothes were mostly tattered and I had the impression that he hadn’t seen water for ages. Dropping the „coconuts“ that turned out to be dried palm leafs by the way, all of a sudden he whipped a huge knife out sparkling brightly in the moonshine! Bigger than any military knife and almost as wide as an iPhone. Basically, my first thoughts were just „fuck…oh come on, are you serious?“. A few minutes ago I was still having delicious caipirinhas and hanging out under palm trees at a white lagoon beach during a balmy summer night. And now everything turned into a fucking hell…
Fortunately, I put my money belt in the sand a few minutes before he came across …just for comfy reasons. But of course, as a knee-jerk reaction I handed my wallet (I always have about 17 USD in there in case of a robbery) and my shitty cellphone (30 USD) over to him. My friend did the same. While doing so, I made a small step back but he came right after me baring his teeth and growling some opaque words. However, the robber didn‘t see my money belt laying in the sand.
Expecting the robber being satisfied now, the opposite happened. For inexplicable reasons, he forced us to come with him. Meaning we had to walk in front of him while he was resolutely waving with his knife around behind us. The robbery was over, so why the hell was he literally kidnapping us? Only two obvious reasons came to my mind: either it was about harming us and/or raping my friend. Especially because he was already wolfishly grabbing his dick all the time. Krav Maga taught me besides of fighting techniques one important fact: „in case of a robbery, do whatever the robber asks you for. Except if you can be sure that he’s trying to kill or to rape you. In this case there is no other solution but attacking him.“ This moment I realized that I had to attack him…early or later. To be honest, thinking about it brought the sweat to my brow. I mean, his knife was extraordinarily huge, he was holding and using it the most dangerous way you can utilize a knife and further he seemed to be unpredictable. The decision when to attack, became a decision about life and death. Realizing this fact didn’t really make me feel better…
Already walking for about 20 minutes, we had left the lagoon far behind us. Obviously, he was heavily drugged and drunk since he got these crazy drug-eyes sparkling in the dark night. While climbing a hill barefoot since I already lost my shoes, I could taste my own salty sweat dropping off my forehead while my mind was spinning and my heart racing. There must be a solution, I thought, but not even one single idea came to my mind as his knife waving around our necks attracted all my attention. Furthermore, I could not understand a word since he was aggressively yelling Portuguese all the time. In my discretion though, he knew the area which can be described as a dark, thick palm forest, very well and apparently he had a clear idea where to go. There was literally nobody around anymore, thus nobody had ever heard us. Still holding my wallet in his hand, he started searching for money in it while we kept walking. To do so, he tucked his knife in his armpit, giving me finally the perfect opportunity for a sudden attack. However, with the pitch-black night around us, I could not clearly identify the knife. Thus I was afraid to take chances, or, to put it more precisely, risking my life as long as I could not be sure about vanquishing the guy successfully. If I would attack, putting all my eggs into one basket and risking everything, I wanted to be sure that it works for 100%.
After a while we reached an edge of a glade where he forced us to get down on our knees and to lift our hands over our heads while he was standing behind us waving his knife around. Acting like in a execution video of IS-terrorists! Even though he stood behind us, I tried to turn around a little and to keep an eye on him and on his knife. But all of a sudden he was freaking out, yelling at me and waving his knife very fast around while my friend kneeing in the sand started crying as hell. Mixed with the echo coming out of the forest, it turned into an absurd situation! Finally I realized that I was looking squarely into his eyes – a dangerous mistake locals always warned me about. Now it became obvious that time to talk was over, I had to take action as soon as possible to prevent anything worse happening. Before I could start, he – let’s say – „asked me“ to take my pants off to search in my pockets for even more money. It is worth mentioning that I was wearing a so called Pac-Safe-Belt which offers a zipper and a small hidden pocket at the inner side of the belt. I had about 250 USD in there. So I took my pants off very quickly while I was pulling the belt out the same time. Distracting attention of the belt, I literally fired the pants to his feet while shouting extremely angry to him that I have nothing to give anymore. Taking advantage of this moment, I sent the belt flying out behind a big, prickly bush. As he couldn‘t find anything in my pockets, he turned to my friend, telling her in a really dirty and nasty way that he is going to start to rape her, not sparing us the details about how he wanted to do so. Since she already got raped once in her life, she started totally panicking and all of a sudden she began to flee, running as fast as her legs could carry her. For a moment, this armed bastard and I were both thunderstruck by this new situation and I could not help myself for look at her, back to him, again at her and back to him, not able to move for a blink of an eye. Would he get after her? Would he suddenly take out a gun of his dirty pants? Would he even throw his knife after her? Each second felt like an hour to me and everything happening seemed like being in super slow-motion. A whole new ball game to me. If he had he tried to chase her, I would have stopped him but he was still petrified after a few seconds.. The only reasonable solution came to my mind: escape! Straight away! Right off the bat! As fast as possible! So I started running barefoot over rough and smooth, chopping my way through the undergrowth but without having a clear idea where to go. Thanks to the adrenalin, I did not even notice that my feet were already heavily bleeding. I was only following one direction through the dark but hot and humid night trying not to get lost in this tropical forest. After a while when finally leaving the forest behind, I outran my friend and we bumped into a couple on the street. They were taking care of her perfectly, giving me the opportunity to look for my money belt laying at the beach of the lagoon. Not to forget that there were two credit cards, my ID, my smartphone and a knife in it. Grabbing my stuff, I whipped my knife out and run back into the forest searching for my Pac-Safe-Belt. The knife was just for self-defending reasons…In the dark, it took quiet a while to find the glade again but fortunately, the belt was still there and the guy had already disappeared. Back in town, the police had arrived and filled a report. However, they weren’t really interested though. Imagine what had happened in Germany or Europe when making a report about a robbery in concomitance with kidnapping and a tried rape! But Brazil’s different. Even when I told the police in which direction he was fleeing and how fast he had moved (I turned several times after him while I was escaping), they literally were not interested at all. On the contrary, the police officer who was writing the report is still today texting nasty messages to my friend and he even keeps asking her out. Obviously he got her number while taking down our personal data.
At the end of the day nothing serious happened and the most important fact is that nobody was physically hurt! The robber heisted about 55 Reais (about 17 USD) and my second cellphone worth a 100 Reais (30 USD). My money belt and the Pac-Safe-Belt hid successfully 250 USD, two credit cards, my ID as well as my smartphone.
Meanwhile I bought a baseball cap for the limited purpose to hide my blonde hairs. Not making a spectacle of being a gringo seems not like a bad idea to me.
Making the mistake of ignoring my principle of not going to places where other folks are not hanging out, put me into a terrifying situation. Therefore I wrote about other tips and tricks I use to avoid similar situation in future.
However, in the meantime I have already left Salvador.

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